Feldenkrais macht den Unterschied

Die Ausgangssituation

Wie bereits angeführt, gibt es keine sportartspezifischen standardisierten Programme zur Verletzungsprävention, lediglich Vorschläge, wie es ablaufen könnte (z.B. beim Deutschen Fußballbund).

Die tatsächliche Durchführung verletzungsvorbeugender Maßnahmen hängt in der Regel davon ab, wie viel Kompetenz und Engagement für dieses Thema bei den maßgeblichen Personen dafür, sprich Trainern und Funktionären, vorhanden ist.

Die derzeit angewandten Modelle zur Verletzungsprävention bestehen aus einer Kombination aus Kraft-, Stabilisations- und Mobilitytraining (= Dehnen und Mobilisieren).

In den moderneren Versionen wird dieses Training (gerne bezeichnet als Athletiktraining oder Conditioning) in Form von funktionalen, plyometrischen oder calisthenischen Übungen, im Idealfall zugeschnitten auf die realen Anforderungen der Sportart, durchgeführt. Oftmals bilden diese Übungen den Inhalt des Aufwärmens vor der Belastung.

Dem hinzugefügt werden Massagen, Eisbäder, Saunagänge, Ultraschall- und Elektrostimulationsbehandlungen sowie leichtes Auslaufen, Ausrollen der Faszien oder Dehnen nach der Belastung.

Daran ist per se nichts auszusetzen und im professionellen Sport werden diese Maßnahmen zweifellos auf hohem Niveau angeboten.

Warum liest man dennoch täglich von Muskelverletzungen prominenter Sportler, (nicht nur) dieser Tage speziell von Fußballern (Dembelé, Messi, Reus)?

Offensichtlich greifen die gängigen Mittel doch zu kurz.

 

Verletzungsprävention 2.0 – Bewegungstraining auf Basis der Feldenkraismethode 

An dieser Stelle kommt die Feldenkraismethode ins Spiel.

Was unterscheidet sie von allen anderen Methoden und worin liegen ihre entscheidenden Vorteile in der Verletzungsprävention?

Der Ansatz der Feldenkraismethode integriert das Zentrale Nervensystem ins Präventionstraining. Es handelt sich um einen neurophysiologischen Ansatz.

Was bedeutet das? Bewegung wird von den motorischen Zentren in Gehirn und Rückenmark gesteuert und lässt sich nur verändern oder verbessern, wenn diese Zentren bewusst angesprochen werden. Genau das geschieht bei Anwendung der Feldenkraismethode.

 

Beweglichkeit und Bewegungsqualität

 

Aufmerksamkeit auf die Bewegungsqualität

Der Schlüssel für die Verbesserung von Bewegungen und Beweglichkeit liegt in der bewussten Aufmerksamkeit. Diese wird bei Feldenkrais nach innen, auf den eigenen Körper und seine Bewegungsabläufe gerichtet.

Dabei geht es nicht, wie bei allen anderen Trainingsmethoden, um Quantität, nicht darum, wie oft, wie schnell, wie lange, mit welchem Gewicht, etc. man Bewegungen durchführt, sondern um die Qualität der Bewegung, auf die der Fokus gerichtet wird:

Welche Muskeln sind an der Bewegung beteiligt? Wie stark sind sie angespannt? Wie gut bin ich in der Lage, sie loszulassen und lang werden zu lassen? Befindet sich das Gelenk während der Bewegung in einer neutralen Position? Wie sieht die Bewegungskette aus? Welcher Teil des Körpers initiiert die Bewegung? Spanne ich Muskeln an, die für die Bewegung gar nicht benötigt werden? Wie lässt sich die Belastung möglichst auf den ganzen Körper verteilen? Wie kann ich die Bewegung effizienter gestalten?

Fragen dieser Art wird während der Bewegungslektionen nach Feldenkrais nachgegangen.

Klar, dass niemand solche Fragen untersuchen, geschweige denn beantworten kann, wenn der Fokus auf der Quantität der Bewegung liegt.

Das beliebte „No pain, no gain.“ wird ersetzt durch „No brain, no gain.“

 

Erst langsame, kleine, bewusste Bewegungen 

Bewegungen werden zu Beginn langsam ausgeführt, das Bewegungsausmaß ist klein, man geht nicht an seine Belastungsgrenzen, um dem Nervensystem zu vermitteln, was möglich ist und auf welche Weise eine Bewegung leichter ausgeführt werden kann. Denn das Gehirn lernt am besten in einer Atmosphäre von Sicherheit und Wohlgefühl.

Dadurch entsteht mit der Zeit ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigenen Möglichkeiten und Grenzen, ein Gefühl für den Unterschied von Belastungs- und Warnschmerzen. Die Körperwahrnehmung wird geschult und zugleich werden die propriozeptiven Fähigkeiten trainiert.

 

Individuell und sportartspezifisch angepasst

Das geschieht mittels hunderter, individuell angepasster Bewegungslektionen, die auf die sportarttypischen Bewegungsanforderungen zugeschnitten werden.

Das Ziel sind nicht starke, steife Muskeln mit ständiger hoher Vorspannung, sondern elastische Muskeln, die je nach Bedarf stabilisieren, explosiv anspannen, aber auch entspannen und loslassen können, wenn ihr Gegenspieler arbeitet bzw. wenn sie in der jeweiligen Bewegung keinen Job haben.

Feldenkrais betont dabei die Individualität von Bewegungen, denn jeder Körper ist in seiner Anatomie einzigartig. Wird von einem lehrbuchgerechten Idealzustand ausgegangen, den alle erreichen sollen, birgt das Gefahren. Daher wird zuerst die individuelle Bewegungsfähigkeit getestet und Verbesserungsmaßnahmen werden auf die jeweiligen Athleten zugeschnitten.

„Je besser sich Sportler über die Vorgänge im Körper sowie dessen Grenzen und Möglichkeiten bewusst sind, umso verlässlicher können sie Entscheidungen hinsichtlich ihres Belastungsvermögens treffen.“

 

Beginn möglichst schon im Nachwuchs

Speziell im Nachwuchsleistungssport ist die Integration eines geeigneten Präventionsprogramms in den Trainingsplan sinnvoll. Bereits hier sieht man Trainer, die bis an die körperlichen Grenzen der Kinder trainieren und trotz falscher bzw. mangelnder Technik möglichst viele Wiederholungen oder eine hohe Einsatzstärke von ihren Sportlern erwarten. Darüber hinaus wird in der Gruppe oder Mannschaft zumeist mit allen das Gleiche trainiert, in den gleichen Umfängen, mit der gleichen Intensität, unabhängig vom jeweiligen körperlichen Entwicklungsstand und der damit verbundenen Belastungsverträglichkeit. Diese Fehler im Training mit Kindern und Jugendlichen führen zu Überlastungsschäden und Verletzungen und können höchst unangenehme Langzeitfolgen nach sich ziehen.

So zeigte sich in der in Deutschland 2018 bundesweit durchgeführten GOAL Study, welche Daten zu 1138 jugendlichen Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern aus 51 olympischen Sportarten enthält (56,1 % männlich; 14–18 Jahre), dass 43,8 % der deutschen Nachwuchsleistungssportler bereit sind, trotz Gelenkschmerzen in Ruhe an Wettkämpfen teilzunehmen. Das ist alarmierend und lässt nicht zuletzt auf ein mangelhaft ausgebildetes Körperbewusstsein schließen.

Das Ziel im Training mit Nachwuchsathleten muss die Vermittlung vielfältiger Bewegungserfahrungen sein, die zu einem hoch entwickelten Körperbewusstsein beitragen. Das gewährleistet die Feldenkraismethode und legt damit den Grundstein für die Prävention von Verletzungen.

 

Feldenkrais kompakt erklärt

– Es handelt sich um einen neurophysiologischen Ansatz, der in der Zusammensetzung der Bewegungslektionen und in der Art deren Durchführung zum Tragen kommt.

– Der Schlüssel dafür ist die Aufmerksamkeit auf der Qualität der eigenen Bewegung.

– Das Ergebnis sind elastische Muskeln und Faszien, die wiederum bewegliche Gelenke schaffen und effiziente und friktionsfreie Bewegungen ermöglichen.

– Die Sportler lernen, eigene Grenzen in der Bewegung wahrzunehmen und erarbeiten sich in den Bewegungslektionen Möglichkeiten, diese Grenzen zu erweitern.

– Individualität spielt sowohl bei den Verbesserungsmaßnahmen wie in der Belastungssteuerung eine wichtige Rolle.

– Die zahlreichen und vielfältigen Bewegungslektionen werden individuell und auf die Bewegungsanforderungen der jeweiligen Sportart abgestimmt.

– Die Einheiten haben großteils regenerativen Charakter.

Das Ziel ist ein hoch entwickeltes Körperbewusstsein, das die  Athleten dazu befähigt, „hausgemachte“ Verletzungen zu vermeiden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.