Verletzungsprävention spart Geld und Frust

Beinahe täglich liest man in den einschlägigen Sportmedien von verletzungsbedingten Ausfällen von Athleten.

Hier einige Schlagzeilen der vergangenen Woche – quasi für jeden Tag eine:

„Goalgetter fällt vier Wochen lang aus.“

„Spieler beendet wegen Knieverletzung Karriere.“

„Nächster Kreuzbandriss bei Athletin.“

„Verletzung überschattet das Spiel.“

„Lazarett vergrößert.“

„Saisonende – Spieler schwer verletzt.“

„Syndesmosebandriss – wie lange wird er fehlen?“

Leser sind derartige Nachrichten so vertraut, dass sie (je nach Beziehung zur Sportart und gefühlter Nähe zum Verletzten) mit mehr oder weniger Bedauern und einem achselzuckenden „So ein Pech, dass ihr das gerade jetzt passiert.“ oder dem gängigen „Ja, im Leistungssport gehört das leider dazu.“ darüber hinweglesen.

Was sagt die Statistik?

Laut Statistik der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland ereignen sich 70% der Verletzungen in Ballsportarten.

Im Profisport entfallen 67% der Verletzungen auf die Sportart Fußball, gefolgt von Handball (16%) und Eishockey (11%).

Sehen wir uns das am Beispiel Fußball näher an:

2016 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de, Autor: Thomas Henke) eine umfassende Statistik zu den Zahlen rund um Verletzungen im Profifußball in Deutschland:

• Die Gesamtumsätze der ersten drei Ligen betrugen 2016 knapp 2 Milliarden €.

• Die Gesamtkosten für Verletzungen pro Saison beliefen sich auf 90 Millionen € (!).

• Zusammen kamen die Profis der drei höchsten Ligen pro Saison auf ca. 630.000 Arbeitstage.

• Durch Verletzungsfolgen fielen davon knapp 85.000 Arbeitstage weg.

• Umgerechnet auf einen Mannschaftskader bedeutet dies, dass 13,5% der Spieler permanent nicht einsetzbar sind (!).

Bei verletzungsbedingt nicht einsetzbaren Spielern fallen tägliche (!) Gehaltskosten von durchschnittlich 3.500 € an.

Zur Art der Verletzungen wurde auf fussballverletzungen.com diese Grafik zur Häufigkeit der Verletzungen im Fußball in der Saison 2018/19 veröffentlicht: 

Dabei waren nur 20% der Verletzungen die Folge eines Foulspiels, 50% ereigneten sich bei Zweikämpfen bzw. bei Kontakt mit dem Gegner (bei Sprüngen, Landungen oder beim Kopfball).

50% der Verletzungen waren „hausgemacht“ und passierten ohne Fremdeinwirkung.

Zum Vergleich der Ausfalltage pro Spieler veröffentlichte die Seite fussballverletzungen.com folgende Statistik zur aktuellen Herbstsaison der 1. Bundesliga 2019/20:

 

Die weitreichenden Folgen von Verletzungen

Konsequenzen für Vereine

Diese Zahlen sprechen für sich. Es bleiben die Kosten für die Verletzten, die weiter bezahlt werden müssen, obwohl sie nicht eingesetzt werden können. Jeder Ausfall verkleinert den Kader und erhöht die Belastung für die fitten Spieler. Dazu kann der Ausfall von Leistungsträgern über Erfolg und Misserfolg einer Mannschaft entscheiden.

Konsequenzen für Athleten

Aber nicht nur Vereine, Trainer, Sponsoren, Funktionäre, an erster Stelle leiden die betroffenen Athletinnen unter den Folgen ihrer Verletzungen:

physische Folgen

Verletzungen sind immer traumatische Erfahrungen und Schwächungen des Körpers. Statistisch haben Spieler, die bereits eine ernsthafte Verletzung erlitten haben, ein deutlich erhöhtes Risiko, sich wieder zu verletzen. Nicht selten wiederholen sich Verletzungen an den gleichen Stellen, oder sie bewirken indirekt Probleme an anderen Stellen, die stärker belastet werden, weil nach der überstandenen Verletzung der betroffene Bereich unbewusst geschont wird.

psychische Folgen

Eine Verletzung stellt häufig einen Angriff auf das Selbstbild dar. Der Körper hat einen „im Stich gelassen“, vielleicht muss man sich Fehler eingestehen, man hat plötzlich nicht mehr alles unter Kontrolle. Gewohntes Umfeld und soziale Unterstützung gehen teilweise verloren. Das schafft Wut, Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit und Verunsicherung. Ich gehe auf die psychischen Folgen von Verletzungen in diesem Artikel gesondert ein.

• finanzielle Folgen

Auch wenn das Gehalt des Spielers weiter bezahlt wird, sind oft Wettkampfprämien und Sponsorenverträge die Haupteinnahmequelle, die während des verletzungsbedingten Ausfalls wegfallen. Die „Aktie“ des Spielers verliert an Wert, wenn er sich nicht präsentieren kann. Eine Verletzung bedroht somit auch die finanzielle Absicherung. Angst vor der ungewissen Zukunft entsteht.

Karrierefolgen

Somit bedeuten Verletzungen nicht einfach bezahlten Krankenstand (wobei das nur auf Sportarten und Leistungsniveaus zutrifft, in denen man von bezahltem Profisport sprechen kann), sondern sie werfen Fragen auf. „Bis wann bin ich wieder einsatzbereit?„Wird mein Vertrag verlängert, wenn ich verletzt bin?“ „Hat der Verein XY immer noch an mir Interesse, wenn ich länger ausfalle?“ „Kann ich meine Karriere auf diesem Level noch fortsetzen?“ „Werde ich für das Nationalteam / die EM / WM nominiert?“, etc.

Diese bekannten und belegten Tatsachen machen gut sichtbar, dass eine Verletzung selbst nur die Spitze eines Eisbergs von Folgewirkungen für alle Beteiligten darstellt. Somit drängt sich die Frage auf, warum nicht intensiver und konsequenter in Verletzungsprävention investiert wird.

 

Zu viel Aufwand?

Als Beobachter hat man den Eindruck, dass Verletzungen im Profifußball als eine Art von Kollateralschaden akzeptiert und quasi eingeplant werden.

Warum?

Fürchtet man den Aufwand einer seriösen Präventionsarbeit?

Bei Betrachtung der oben angeführten Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung wird klar, dass die Kosten für die Prävention leicht gedeckt sind, selbst wenn man dauerhaft nur einen einzigen Spieler weniger auf der Verletztenliste stehen hat. Auch wenn man mit weit weniger als dem dort durchschnittlich genannten Betrag von täglich 3.500 € kalkuliert.

Trainingseinheiten, die mit regenerativem Präventionstraining statt intensivem Technik- oder Athletiktraining ausgefüllt werden, reduzieren die Gesamtbelastung und verbessern dazu noch die Körperwahrnehmung der Spieler. Genau das entzieht Verletzungen den Nährboden.

 

Fehlendes Know-How?

Athletiktraining, Conditioning, neuromuskuläres Training, propriozeptives Training, plyometrisches Training, Kräftigen, Dehnen, Faszienrollen, Eisbäder, Massagen, physiotherapeutische Begleitung, etc. – eines oder mehrere von diesen Angeboten integriert heute jeder Club im Profifußball.

Doch diese Maßnahmen scheinen nicht auszureichen, um Verletzungen wirksam vorzubeugen.

Aus meiner Sicht sind folgende Fragen zu stellen:

– Existiert eine exakte Dokumentation aller Verletzungen?

– Findet ein sorgfältiges, regelmäßiges, sportartspezifisches Screening des körperlichen Zustands statt?

– Erfolgt ein Monitoring der Belastungszustände und ein damit verbundener Abgleich der Belastungssteuerung?

– Wird ein regelmäßiges Präventionstraining durchgeführt, welches auch das Körperbewusstsein der Teilnehmer entscheidend verbessert (woran es laut Studien bei einem Drittel der Spieler stark mangelt)?

– Vermittelt man den Spielern ausreichend Wissen zu Lebensstilfaktoren, die einen oft unterschätzten Einfluss auf Verletzungen haben?

Alle diese Punkte sind unverzichtbare Elemente eines umfassenden seriösen Präventionsprogramms.

Dieses kann (leider oft gängige und vermeintlich sparsame Praxis) nicht einfach auf die Schultern von Co-Trainern, Physios oder Sportwissenschaftlern (die dann wieder Ressourcen von ihrem eigentlichen Aufgabenbereich abziehen müssten) verteilt werden. Es zeigt deutlich mehr Wirkung, wenn es einen eigenständigen Bereich ausmacht, der die Rolle eines fixen Bestandteils des gesamten Trainingskonzepts einnimmt.

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