Verletzungsprävention im Nachwuchssport – wer übernimmt Verantwortung?

DIE AUSGANGSSITUATION

Schlagworte wie „kindgerechte Bewegungsförderung“, „multisportive Aktivitäten“, „die tägliche Turnstunde“, etc. werden von Sportfunktionären und Verantwortlichen der Sportpolitik gerne geäußert. Dadurch sollen Kinder und Jugendliche in organisierter Form zu gesunder Bewegung animiert werden.

Dem gegenüber steht im Leistungssport eine frühzeitige Spezialisierung von Training und Bewegung. Diese ist umso ausgeprägter, je leistungsorientierter eine Sportart betrieben wird, nicht zuletzt, um national und international konkurrenzfähig zu sein.

Dazu berichten die Sportorthopäden der Gesellschaft für orthopädisch-traumatologische Sportmedizin (GOTS), dass sich jedes Jahr in Deutschland rund 420.000 Sportunfälle im Kinder- und Jugendalter ereignen. Sie konnten dabei feststellen, dass speziell durch Überlastung verursachte Verletzungen an Gelenken und Knochen im Kindes- und Jugendalter zunehmen. „Wir beobachten in der Praxis zunehmend Verletzungsmuster, die auf zu intensive Sporteinheiten ohne ausreichende Erholung für Knochen, Gelenke und Muskulatur zurückzuführen sind.“

Daher fordert die GOTS im November 2019 im deutschen Ärzteblatt vehement, dass Präventionsprogramme gegen Sportverletzungen in Vereinen und im Sportunterricht konsequenter umgesetzt werden sollen. Sie sind der Ansicht, dass sich in vielen Fällen Verletzungen und deren Spätfolgen durch ein adäquates Präventionstraining oder maßvollere Sporteinheiten vermeiden ließen.

Roman Seil, der Präsident der GOTS, meint dazu: „Eine Aufwärmphase und angelegte Bandagen reichen nicht aus. Richtige Prävention muss auf den entsprechenden Sport, den Trainingszustand des Athleten und die beanspruchten Körperregionen zugeschnitten sein. Sie muss nach einem Plan, in bestimmten Zeiteinheiten stattfinden und zwar immer vor dem eigentlichen Training. Bislang wird Prävention aber im Leistungs- und im Breitensport gleichermaßen vernachlässigt“.

 

WAS BEKANNT IST

Eine Schwachstelle im Knochenbau von Kindern und Jugendlichen ist die Wachstumsfuge (Epiphysenfuge). Sie schließt sich bei Mädchen meist zum 14. oder 15., und bei Jungen etwa zum 16. Lebensjahr, nachdem das Knochenwachstum abgeschlossen ist. Chronische Überbelastungen, die zu mikrotraumatischen – für das Auge nicht sichtbare – Verletzungen führen, können Schäden an den Wachstumsfugen verursachen. 15% aller Sportverletzungen im Kinder- und Jugendsport betreffen Epiphysenverletzungen. Insbesondere gelenknahe oder auch das Gelenk direkt betreffende Verletzungen, bei denen die Wachstumsfuge beteiligt ist, können eine dauerhafte Fehlstellung nach sich ziehen. Je nach Ausprägung kann dies auch Spätschäden wie Arthrose zur Folge haben (Als Beispiel gelten die O-Beine von Fußballern, die in ihrer Jugend zu intensiv trainiert haben.).

Deutlich sichtbare Tendenz zur O-Bein Stellung im Alter von 16 Jahren

 

In allen Sportarten, in denen sehr intensiv und umfangreich trainiert wird, sind Überlastungsschäden häufiger als akute Verletzungen. Sie entwickeln sich als Reaktion des heranreifenden Körpers auf permanent auf unfertige körperliche Strukturen ausgeübten physischen Stress.

Besonders hohe Risikofaktoren sind gegeben:

  • in Phasen von Wachstumsschüben
  • wenn die Hebel im Körper der Belastung nicht gerecht werden können
  • wenn ein Missverhältnis zwischen chronologischem und biologischem Entwicklungsalter besteht
  • bei zu hohen Belastungsumfängen und -intensitäten 
  • nach vorangegangenen Verletzungen.

 

WISSENSCHAFTLICHE ERKENNTNISSE

Frühere Verletzungen gelten als der größte Risikofaktor für Verletzungsanfälligkeit. Mehrere Studien, die im Rahmen einer 2017 veröffentlichten Metastudie verglichen wurden, zeigen, dass die Anfälligkeit für Verletzungen bei Athleten mit Vorerfahrungen von Verletzungen deutlich erhöht ist (Sports Health, 2017, Mar-Apr; 9(2): 139–147).

In dieser Metastudie zu 24 durchgeführten Studien zum Thema Epiphysenverletzungen im Kinder- und Jugendsport werden als die häufigsten Überlastungsreaktionen für die unteren Extremitäten Morbus Osgood-Schlatter (eine schmerzhafte Reizung des Ansatzes der Patellasehne am vorderen Schienbein), die Sever-Krankheit (eine Entzündung der Wachstumsfuge des Fersenknochens im Wachstum) und Morbus Sinding-Larsen-Johansson (eine schmerzhafte Entzündungsreaktion des Ursprungs der Patellasehne an der Spitze der Kniescheibe, bei der sich ein Knochenstück aus der Kniescheibe lösen und absterben kann) genannt.

Im Bereich der oberen Extremitäten treten das Werfer-Turner-Handgelenk (unbestimmte Schmerzen auf der Handgelenksrückseite, die häufig nicht eindeutig zuzuordnen sind), der Tennis- bzw. Golferellbogen und die Little League Shoulder (eine Schädigung der Wachstumsfuge des Oberarmknochens im Schultergelenk) am öftesten auf.

Das Werfer-Turner-Handgelenk tritt z.B. auch beim Wasserspringen auf

 

Laut eben dieser Metastudie hat sich in vielen der verglichenen Studien als effektivste Präventionsmaßnahme die Kombination eines regelmäßigen Monitoring des körperlichen Zustands und der durchgeführten Belastungen, verbunden mit der Durchführung von Programmen, die Beweglichkeit, Stabilität und Kraft verbessern, und einem aufmerksamen, darauf Rücksicht nehmenden Coachingstil erwiesen.

Als wirksamste „Behandlung“, wenn solche Überlastungsprobleme an einer Epiphyse bereits aufgetreten sind, stellte sich eine ausgedehnte Periode aktiver Erholung heraus.

 

WAS WIR ENTGEGEN DIESEM WISSEN TUN

Bei der Verfolgung des Ziels, möglichst früh möglichst erfolgreich zu sein, wird (nicht nur im österreichischen) Nachwuchsleistungssport häufig tendenziell zu viel trainiert. Das heißt genau, zu oft und zu intensiv, und darüber hinaus meist mit einer gesamten Altersgruppe dieselben Inhalte im selben Umfang und derselben Intensität.

Obwohl durch zahlreiche Studien zu diesem Thema eindeutig belegt ist, dass dies bei einem Teil der jungen Athleten zu körperlicher Überlastung führt.

Hier sind in erster Linie die Coaches und die Eltern gefragt, ihren Ehrgeiz in für die jungen Athletinnen sinnvolle und gesunde Bahnen zu lenken.

Gleichzeitig gilt es auch, den Sportlerinnen und Sportlern ein Verständnis dieser Problematik zu vermitteln, denn im sprichwörtlichen jugendlichen Leichtsinn denkt niemand von selbst an eine langfristige Karriereplanung.

Hier ein Beispiel aus der Realität, wie junge Athleten sich die Schwerpunkte in ihrem sportlichen Leben setzen (in diesem Fall U15 Spieler einer Fußballakademie)

 

Angesichts des allseits beliebten und von jungen Sportlern gebetsmühlenartig wiederholten Vorsatzes „Immer alles zu geben“, um den Durchbruch in einer Sportart zu schaffen, ist klar, dass in einer Trainingsgruppe keiner sich als erster zurücknehmen will, etwa bei Trainingsaufgaben von selbst Intensität herausnimmt, oder eine Aufgabe früher beendet, wenn er merkt, dass er die Grenzen seiner Belastbarkeit erreicht hat.

Denn einerseits könnte das ja vom Coach falsch ausgelegt werden und er als „Obizahrer“ (= Tachinierer, Drückeberger) dastehen, andererseits setzt er sich damit unter Umständen dem Spott oder gar der Verachtung seiner Trainingskollegen aus.

 

HART vs. SMART

„No pain, no gain“ steht immer noch wie ein unsichtbarer und unheilvoller Leitspruch über Trainingseinheiten im Jugendbereich. Coaches neigen verständlicherweise dazu, selbst Erfahrenes weiterzugeben.

Und das führt schließlich dahin, dass Sportlerinnen – auch wenn von Coaches immer wieder eingemahnt wird, körperliche Probleme unverzüglich zu melden – über Schmerzen drübergehen und körperliches Unwohlsein und Probleme verschweigen, so lange es irgendwie geht – in der Hoffnung, es würde von selbst wieder gut werden.

Denn kein Athlet nimmt sich freiwillig aus der Mannschaft, dem Kader, dem Rennen, nachdem er so viel dafür getan hat, dazu zu gehören.

Ich möchte hier weder polemisieren noch pauschalieren noch Schuldzuweisungen vornehmen, sondern nur die Erfahrungen widerspiegeln, die ich in beiden Rollen – als involvierter Akteur und externer Beobachter – in über 30 Jahren im Leistungssport machen konnte.

Das ist ein Blick auf das vorherrschende Mindset im Nachwuchsleistungssport.

Jede Person, die in diesem System tätig ist, wird davon unvermeidlich und oft unbewusst beeinflusst, auch wenn sie mit den besten Vorsätzen an ihre Aufgaben herangeht!

Wenn ich darüber nachdenke, wie viele jugendliche Athleten ich alleine in den letzten 15 Jahren kennen gelernt habe, die ihre Karriere verletzungs- bzw. gesundheitsbedingt beenden mussten, bekomme ich Gänsehaut.

 

DIE FRAGEN, DIE SICH DARAUS ERGEBEN

Wollen wir das?

Niemand aller Beteiligten (Sportler, Trainer, Eltern, Funktionäre) wird das bejahen.

Ist es den Beteiligten egal? – „Nein!“

Was sind dann die Gründe, dass im Bereich Prävention im Nachwuchsleistungssport nur so wenig passiert?

 

WIE WIR VERANTWORTLICH HANDELN KÖNNEN

Die anatomische, motorische, psychische, neuronale und hormonelle Entwicklung während der Kindheit und des Jugendalters verläuft nicht linear, sondern individuell unterschiedlich. Daher ist das chronologische Alter kein geeigneter Maßstab für eine allgemein gültige Zuordnung von Trainingsumfängen und -intensitäten.

Vielmehr müssen dabei das Geschlecht, die biologische Reife und das Trainingsalter berücksichtigt und in die Planung mit einbezogen werden.

Eine individuell ausgerichtete Belastungssteuerung ist speziell im Nachwuchs eine der Grundmaßnahmen der Verletzungsprävention.

Da das Stütz- und Bewegungssystem durch den Reifeprozess störanfällig ist und sich nur langsam anpasst, müssen insbesondere Belastungssteigerungen systematisch vorbereitet werden, um Überlastungen und Verletzungen vorzubeugen.

 

Folgende Maßnahmen müssen umgesetzt werden, um Anpassungsvorgänge in der Belastungssituation zu unterstützen:

 

In der Verantwortung des Vereins bzw. der zuständigen Funktionäre:

• Ein regelmäßig durchgeführtes Screening des körperlichen Zustands hinsichtlich Haltungs- und Achsenfehlstellungen sowie Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit und muskulärer Dysbalancen.

• Das Angebot von Programmen, die Beweglichkeit, Stabilität und Kraft verbessern.

• Die gezielte Entwicklung eines hohen Körperbewusstseins durch speziell darauf ausgerichtete Programme.

 

In der Verantwortung der Coaches:

• Individuell dosiertes Anpassen von Belastungen.

– Das Begrenzen von hohen Impulsbelastungen.

– Eine Reduktion von Maximalkrafttraining und Übungen mit hohen Muskelzugspannungen.

• Die Rhythmisierung der Belastung und der gezielt geplante Wechsel von Belastung und Erholung.

• Ein dynamisches Variieren der Trainingsinhalte, sprich: eine abwechslungsreiche und ausgleichende Trainingsgestaltung.

• Eine ausreichende Vor- bzw. Nachbereitung von Trainingseinheiten, sprich: an die jeweilige Trainingseinheit angepasstes Auf- und Abwärmen.

• Der technischen Beherrschung der Trainingsübungen Priorität einzuräumen, um trainingsbedingte Fehlbelastungen und Verletzungen zu vermeiden!

 

WAS WIR IM NACHWUCHSLEISTUNGSSPORT BRAUCHEN – KLARTEXT

 

1. Kurzfristig umzusetzen und anzustreben:

a) Ein umfassendes Präventionskonzept

b) Ein hoch entwickeltes Körperbewusstsein der jungen Athleten

 

2. Langfristig zu implementieren:

a) Eine Veränderung des Mindset  (= innere Einstellung) der Coaches im Nachwuchsleistungssport zu diesem Thema

b) Die Bereitschaft der Verantwortlichen in Verbänden und Vereinen, dies alles in die Wege zu leiten und umzusetzen

 

Darauf gehe ich in diesem Artikel näher ein.

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