Verletzungsprävention im Nachwuchssport: So geht´s!

Aus dem vorigen Artikel

Im letzten Beitrag habe ich zur Frage „Was wir im Nachwuchsleistungssport brauchen“ folgende vier Punkte angeführt, auf die hier ich näher eingehe:

• Ein hoch entwickeltes Körperbewusstsein der jungen Athleten

• Ein umfassendes Präventionskonzept

• Ein neues Mindset (= innere Einstellung) der Coaches im Nachwuchs

• Die Bereitschaft der Verantwortlichen in Verbänden und Vereinen, dies in die Wege zu leiten und umzusetzen

 

1. Ein hoch entwickeltes Körperbewusstsein

Dieses Ziel zu erreichen, dass die jungen Athletinnen von Beginn lernen, ihre Körperwahrnehmung zu verfeinern, steht an erster Stelle und hat oberste Priorität .

Warum? –  Weil:

Körperbewusstsein steuert Bewegungsverhalten.

> besseres Körperbewusstsein = besseres Bewegungsverhalten

> besseres Bewegungsverhalten = bessere Gesundheit + Leistung.

 

Eine aufmerksame, sensible und bewusste Körperwahrnehmung ermöglicht …

… eine bewusste Unterscheidung zwischen Diskomfort und Warnschmerz,

… das Erkennen von Möglichkeiten und Alternativen in der eigenen Bewegung,

… das klare Spüren von Grenzen in der eigenen Beweglichkeit,

… die rechtzeitige Wahrnehmung von Überlastungssymptomen.

 

Ein höheres Körperbewusstsein geht einher mit einer Verbesserung der neuromuskulären, propriozeptiven und sensomotorischen Fähigkeiten.

 

Dafür ist der Einsatz von Feldenkrais prädestiniert 

Nicht nur werden beim Feldenkraistraining Beweglichkeitsdefizite und Einschränkungen abgebaut und eliminiert, es werden auch die neuromuskulären, propriozeptiven und sensomotorischen Fähigkeiten trainiert. Darüber hinaus ist es möglich, dieses Training individuell auszurichten (der Fokus wird auf den eigenen Körper und die eigenen Möglichkeiten gerichtet) und auf die Anforderungen der jeweiligen Sportart abzustimmen.

Athleten mit einem hoch entwickelten Körperbewusstsein bewegen sich nicht nur gesünder, ökonomischer und damit leistungsfähiger, sondern sie spüren auch besser, wie es ihnen geht und was ihnen gut tut – alles Voraussetzungen, die eine effektive Verletzungsprävention unterstützen.

Das Feldenkraistraining zur Entwicklung eines hohen Körperbewusstseins lässt sich in der Gruppe wie im Einzeltraining durchführen und ist jederzeit kurzfristig in einen Trainingsplan integrierbar.

Man kann davon ausgehen, dass bei wöchentlicher Frequenz das angestrebte Ziel – ein deutlich verbessertes Körperbewusstsein – nach etwa 20 bis 30 Einheiten erreicht ist und die Fähigkeit zur selbständigen Weiteranwendung des Gelernten erworben wurde.

 

Mit Feldenkrais lässt sich die Körperwahrnehmung entscheidend verbessern.

 

2. Ein umfassendes Präventionskonzept

Die Anfrage, ob Verletzungsprävention im Nachwuchssport stattfindet, wird gerne bejaht.

„Wir halten Einheiten zu Kraft-, Stabilisations- und Mobilitytraining (= Dehnen und Mobilisieren) ab.“ Gerne wird dies auch als Athletiktraining oder Conditioning bezeichnet.

Oft bilden diese Trainingsformen den Inhalt des Aufwärmens vor der Belastung.

Als Maßnahmen nach der Belastung werden leichtes Auslaufen, Ausrollen der Faszien oder Dehnen genannt, eventuell auch noch die Möglichkeit einer Massage.

Das ist insofern erfreulich, als die Idee von Verletzungsprävention durch Verbesserung der Fitness bedeutet, dass diesem Thema Raum zugestanden wird.

Ein seriöses umfassendes Präventionskonzept greift jedoch viel tiefer und ist damit auch ungleich wirksamer.

 

Relevante Bestandteile eines Präventionskonzepts

a) Das Screening des Ist-Zustands der Athleten:

• Dokumentation eventuell vorhandener Vorverletzungen und eine spätestens ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich weitergeführte, akkurate Verletzungsstatistik

• Der aktuelle körperliche Zustand

– Entwicklungsstand, d.h. chronologische vs. biologische Entwicklung

– Haltung, Schiefstände, Dysbalancen

– Beweglichkeit, Einschränkungen, Dysbalancen

• Das aktuelle Verhalten/Lifestyle

– Schlaf

– Ernährung und Hydration

– Alltagsaktivität vs. Inaktivität

– Aktive Regeneration

b) Das Screening des Ist-Zustands der sportlichen Situation:

• Die Belastungsentwicklung der letzten Monate

• Das aktuelle Verhältnis Belastung – Regeneration

• Das aktuelle Verhältnis Belastung – Entwicklungszustand

• Die Trainingsqualität im Hinblick auf:

– Variation = Abwechslung und Ausgleichstraining

– Angepasstes Auf- und Abwärmen

c) Die Beseitigung der im Screening erfassten Defizite und Einschränkungen.

• Im körperlichen Bereich

• Im Verhalten

d) Die Entwicklung eines hohen Körperbewusstseins

e) Die kontinuierliche Erfassung der Belastung durch begleitendes Monitoring

f) Die regelmäßige (ca. vierteljährliche) Wiederholung des Eingangs-Screenings

 

Die problemlose und schmerzfreie Durchführung einer tiefen Hocke (Squat) spricht für gesunde und bewegliche Sprung-, Knie- und Hüftgelenke.

 

 

 

3. Ein neues Mindset der Nachwuchscoaches

Die meisten heute im Nachwuchs tätigen Coaches sind während ihrer eigenen aktiven Sportkarriere von Sprüchen wie diesen begleitet worden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

„Nur die Harten kommen durch“

„Was dich nicht umbringt, macht dich härter.“

„Beiß die Zähne zusammen.“

„Da musst du durch.“

„Davon ist noch keiner gestorben.“

„Überwinde dich.“

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

„Kneif die Arschbacken zusammen.“

Sprüche dieser Art kann man unter dem Lei(d)tspruch „No pain, no gain“ zusammenfassen.

Solche Aussagen zielen in unterschiedlichen Formen immer wieder darauf ab, die Angesprochenen dazu zu bringen, „noch mehr“ zu tun, noch mehr Einsatz zu bringen, Schmerzen zu ignorieren oder zu „überwinden“. Hören Athleten solche Aufforderungen wiederholt und über einen längeren Zeitraum, bewirkt das eine starke Beeinflussung ihrer inneren Einstellung.

Man nennt dies „Priming“. Dabei werden einer Person Ideen, Meinungen, Vorurteile und Stereotype eingepflanzt, und meist ist sich diese Person dessen gar nicht bewusst, sie übernimmt diese Ideen einfach unreflektiert in ihr Mindset (innere Einstellung).

Menschen mit einer gesunden Selbstreflexion können das vielleicht mit der Zeit erkennen und sich davon befreien, aber in der Regel sind wir alle in verschiedenen Bereichen mehr oder weniger stark „geprimt“.

Zurück zu den Coaches.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Coaches das selbst erlebte und in der Sportwelt immer noch allgegenwärtig scheinende „No pain, no gain“ an ihre Schüler weitergeben, ist sehr hoch – egal, ob dies bewusst geschieht oder unbewusst.

Und wie wir alle wissen, ist der Coach einer der stärksten Meinungsbildner bei Athleten.

Unterzieht er diese weiter demselben Priming, das er erfahren hat, wird es für die jungen Sportler ungleich schwerer, zu einer selbstbewussten und vertrauensvollen Körperwahrnehmung gelangen.

Daher halte ich es für äußerst wichtig, dass Coaches auch für eine andere Sichtweise sensibilisiert werden.

 

Die Wichtigkeit der Trainerausbildung

Und wo kann das am besten geschehen? In der Trainerausbildung. Dort kommt jeder Coach hin, dort kann man Ideen und Inhalte vermitteln, die endlich mit diesen überholten und überflüssigen Sprüchen aufräumen.

Punkte, die in der Trainerausbildung zum Thema Verletzungsprävention unbedingt behandelt werden müssen, sind daher zum Beispiel:

Die bewusste Berücksichtigung von Entwicklungsunterschieden bei Gleichaltrigen

Individuelles Fordern (wenn eine Athletin angehalten wird, weniger zu trainieren oder gewisse Übungen auszulassen, darf das nicht zu sozialer Ächtung in der Gruppe führen und auch nicht zu Minderwertigkeitsgefühlen bei der Athletin selbst. Der Coach ist hier gefordert, klarzustellen, dass solche Reduzierungen der Belastung sie viel weiter bringen können, und auch vor der Gruppe klarzustellen, dass er selbst voll hinter dieser Idee steht.)

• Den Wert von Belastungsmonitoring kennen und schätzen lernen: Welche Formen gibt es? Wie kann ich sie effizient einsetzen?

• Die Betonung von Qualität der Bewegungsausführung vor Quantität

Grundkenntnisse von Stabilitäts-, Mobilitäts- und Koordinationstraining, um sie im Training sinnvoll und regelmäßig einbauen zu können (was zum Teil schon vermittelt wird)

Gelingt das, hat man einen langfristig wirksamen und sehr einflussreichen Faktor der Verletzungsprävention abgedeckt.

 

Der Coach braucht ein Auge für Bewegungsqualität.

 

4. Commitment der Verantwortlichen

Die Verantwortlichen sind in erster Linie diejenigen, die über zur Verfügung stehende Gelder entscheiden, sprich Vorstände, Sportdirektoren, Funktionäre in Verbänden und Vereinen.

Diese Personen brauchen die Bereitschaft, sich mit dem Thema Verletzungsprävention auseinanderzusetzen. Sie müssen sich ihrer Verantwortung ihrem Nachwuchs gegenüber bewusst werden und entscheiden, in die Verletzungsprävention entsprechend Geld zu investieren.

Hier hat der Begriff „investieren“ seine Berechtigung, da die Kosten für Verletzungsprävention langfristig gesehen erstmal eine Ersparnis bedeuten und im weiteren Verlauf sogar einen Gewinn.

Wie das?

– Weniger Verletzungen = weniger „leere“ Gehaltszahlungen, kein Verlust von Sponsorgeldern, weniger Behandlungskosten.

– Nachwuchssportlerinnen, die durchgehend gesund bleiben, können sich kontinuierlicher entwickeln, als jene, deren Karriere ständig durch Verletzungspausen unterbrochen und zurückgeworfen wird. Von der psychischen Komponente als Begleiterscheinung von Verletzungen ganz zu schweigen. Sie stärken somit das Kapital des Vereins.

– Profisportler, die weniger oder gar nicht verletzt sind, können ohne Unterbrechungen trainieren, Belastungen steigern, sich somit verbessern und sind ständig einsatzbereit, um diese Verbesserungen auch bei Wettkämpfen bestätigen zu können = höherer Marktwert der Sportler, mehr Sponsoreninteresse, etc.

Abzudeckende Bereiche

• Erstellen einer Verletzungsstatistik

• Screening der Sportler

• Monitoring der Belastung

• Durchführen eines Programms zur Entwicklung des Körperbewusstseins und zur Beseitigung der erfassten Defizite

• Intensive Kommunikation dieser Inhalte mit dem Betreuerstab

 

Die kostengünstigste Variante wäre jetzt, einfach herzugehen und die ersten vier Bereiche auf die ohnehin schon tätigen Coaches, Co-Trainer, Konditionstrainer oder Physiotherapeuten aufzuteilen und im Rahmen regelmäßig stattfindender Trainersitzungen die Inhalte zu kommunizieren.

Aber Vorsicht!

Erstens zieht man damit Ressourcen dieser Personen von ihrem eigentlichen Aufgabenbereich ab, und zweitens, vielleicht noch wichtiger, sind diese handelnden Personen alle Teil des Systems. Man könnte auch sagen, sie sind „befangen“ oder „blind“ für gewisse Zustände, da sie im Rahmen ihrer Haupttätigkeit bestimmte Ziele verfolgen und daher nicht in der Lage sind, wirklich objektiv zu agieren.

Das würde die Qualität und damit die Effizienz des Präventionsprogramms gravierend einschränken.

Daher empfiehlt es sich dringend, für den Bereich Verletzungsprävention einen eigenen Experten zu installieren, der nicht in andere Interessensbereiche im System involviert ist. Bei Bedarf, wenn nicht genügend Know-how in einer Person vorhanden ist, könnte man die vier oben genannten Bereiche (Statistik, Screening, Monitoring, Körperbewusstsein) eventuell auch auf zwei Experten aufteilen.

Dieser Experte kommuniziert eng und kontinuierlich mit dem Betreuerstab, um die optimale Umsetzung des Gesamtkonzepts zu ermöglichen.

Resúmee

Ich bin mir sicher, dass keine der im System beteiligten Personen (Verantwortliche, Trainer, Eltern, Sportlerinnen) diesen vier Säulen der Umsetzung von Verletzungsprävention im Nachwuchsleistungssport (Körperbewusstsein, Präventionsprogramm, Mindset der Coaches, Commitment der Verantwortlichen) ablehnend gegenübersteht.

 

So bleibt nur, die entscheidende Frage zu stellen:

Wer sind die Vorreiter in den Verbänden und Vereinen, die diesen verantwortlichen Schritt als erste in die Tat umsetzen?

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