Verletzungsfrei? Keine Utopie!

„Verletzungen gehören im Leistungssport leider dazu.“

Welche Emotionen löst es in Dir aus, wenn Du diese Aussage liest?

Sie wird angesichts verletzter Athleten gerne bemüht, von Trainern, Funktionären, und im Echo von den Medien. Ist es wirklich so? Muss es so sein? Ist es nur Glück, wenn ein Sportler verletzungsfrei bleibt?

Sehen wir genauer hin. Was passiert bei einer Verletzung? Körperstrukturen = Muskeln, Bänder, Sehnen, Gelenke oder Knochen sind nicht mehr in der Lage, die auf sie einwirkenden Kräfte zu bewältigen bzw. zu verteilen.

Dabei gilt es zu unterscheiden, ob es sich um

• Kräfte handelt, die von außen einwirken und daher kaum kontrollierbar sind, wie z.B. Gegnerberührungen, oder um

• Kräfte, die durch mangelnde körperliche Voraussetzungen nicht mehr kontrolliert werden können.

 

„Hausgemachte Verletzungen“

Mir sind keine genau auf diese Unterscheidung abzielenden Statistiken bekannt, aber in meiner Wahrnehmung fällt der weitaus größere Teil der Verletzungen, die sich im Leistungssport ereignen, in die zweite Kategorie, „Kräfte, die durch mangelnde körperliche Voraussetzungen nicht mehr kontrolliert werden können“.

Ich bezeichne sie als „hausgemacht“ und stelle die Behauptung auf, dass sie zu einem hohen Prozentsatz vermeidbar sind, wenn die dafür relevanten Faktoren berücksichtigt und zum Wohle der Athleten gesteuert werden.

Wie oben erwähnt, entstehen Verletzungen, wenn Körperstrukturen – Muskeln, Bänder, Sehnen, Gelenke oder Knochen nicht mehr in der Lage sind, die auf sie einwirkenden Kräfte zu bewältigen.

Das bedeutet, dass z.B. Muskeln, die verspannt oder verkürzt sind, nicht im dynamischen Gleichgewicht mit ihren Gegenspielern arbeiten, vom Gehirn nicht ausreichend ansteuerbar sind oder ständig überlastet werden, und Gelenke, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, das Risiko „hausgemachter“ Verletzungen erhöhen. Dysbalancen, Fehlhaltungen bzw. Fehlstellungen provozieren derartige Defizite ebenso wie einseitige und zu hohe Belastungen oder ein energieraubender Lebensstil. Eigentlich alles Zustände, die von den Athleten und ihren Betreuern beeinflusst und kontrolliert werden könnten.

Das lässt an der Richtigkeit der Aussage, dass Muskelzerrungen, Bänderüberdehnungen, Sehnenreizungen, Ödeme und Stressfrakturen „einfach dazu gehören“, zweifeln.

Natürlich wirken bei den „hausgemachten“ Verletzungen zu einem geringen Prozentsatz manchmal Umstände, die nicht gänzlich ausgeschlossen werden können, wie z.B. Unachtsamkeiten oder situative Fehleinschätzungen durch die Athleten.

Aber auch in solchen Fällen mindert ein den Belastungen angemessener körperlicher Zustand die Gefahr einer Verletzung deutlich.

 

Entscheidend: körperlicher Zustand und Körperbewusstsein

Wann kann man von einem „angemessenen“ körperlichen Zustand sprechen?

Der Sportler hat keine Dysbalancen, Achsenfehlstellungen und Beweglichkeitsdefizite und verfügt über ein hochentwickeltes Körperbewusstsein.

Und wie schafft man optimale körperliche Voraussetzungen, um das Risiko „hausgemachter“ Verletzungen auf ein Minimum zu reduzieren?

Folgendes Maßnahmenpaket, bestehend aus sieben Punkten, würde dies gewährleisten:

1.Eine Erhebung des Ist-Zustandes nachstehender sechs Einflussbereiche:

Dysbalancen

– muskulär (dynamisches Muskelgleichgewicht)

– Schiefstände

– Einseitigkeiten

– Haltungsfehler

Achsenfehlstellungen

– Sprunggelenk

– Kniegelenk

– Hüftgelenk

– Schultergelenk

– Fußstellung

Beweglichkeitsdefizite

– eingeschränkte Gelenksfreiheit

– „verkürzte“ Muskeln

– mangelnde Ansteuerungsfähigkeit von ausführenden Muskeln

Propriozeption

– Wahrnehmung der an einer Bewegung beteiligten Muskeln und Gelenke und deren Funktion in der Bewegungskette

– fehlende Klarheit beim Drehen, Fallen, Landen, Richtungswechseln

Belastungssteuerung

– individuell angepasste vs. unverhältnismäßige Belastung (in Bezug auf den Entwicklungszustand im Vergleich zu Trainingspartnern)

– Regenerationszeit (bewusst berücksichtigt)

– Art der Belastungen (oft sportartbedingt immer gleich, einseitig)

– Belastungssteigerung (z.B. oft zu schnell beim Wechsel auf eine höhere Ebene)

Lebensstil

– Bewegung abseits des Trainings (z.B. Wie viel wird gesessen? In welcher Haltung?)

– Schlaf (ausreichend, qualitativ hochwertig)

– aktive Regeneration

– Ernährung und Hydration

2. Eine Reduktion und Beseitigung der ersten drei Punkte (Dysbalancen, Achsenfehlstellungen, Beweglichkeitsdefizite) durch individuell abgestimmte Bewegungsprogramme

3. Ein adäquates Training zur Entwicklung eines hohen Körperbewusstseins durch speziell darauf ausgerichtete Bewegungslektionen

4. Eine aufmerksame, individuell angepasste Belastungssteuerung, vom gesamten Betreuerteam einheitlich umgesetzt

5. Das Schaffen eines Bewusstseins bei den Athleten für einen leistungs- und gesundheitsunterstützenden Lebensstil durch Vorbildwirkung und Wissensvermittlung

6. Eine regelmäßige trainingsbegleitende Wiederholung der Erhebungen

7. Schlussendlich bedarf es einer gut kategorisierten und konsequent geführten Verletzungsstatistik, um die Wirksamkeit der eingesetzten Maßnahmen laufend überprüfen zu können.

 

Der Realitäts-Check

Die von mir in Österreich erlebte Realität enthält Bemühungen im ein oder anderen Bereich, aber kaum Standardisierung. Es gibt keine flächendeckende Anwendung (nicht einmal innerhalb von Sportarten) und es fehlen die Verbindlichkeit und oft die Abstimmung innerhalb des jeweiligen Betreuerteams.

In der Praxis ist zu beobachten, dass in verschiedenen leistungssportlichen Institutionen Teile dieser Aspekte bei diversen Tests erhoben werden (sportmotorische Tests, FMS, Physiocheck, Anthropometrie, medizinischer Check) oder Wissensvermittlung, vor allem zum Thema Ernährung, stattfindet.

Im Anschluss fehlt leider häufig die Prozessbegleitung. Manchmal bekommen Athletinnen und Trainer die Testergebnisse und werden damit alleine gelassen, oder es wird den Informationen nicht der gebührliche Wert zugemessen. Oft glauben die Protagonisten, „keine Zeit zu haben“, die erhaltenen Verbesserungsprogramme konsequent umzusetzen. Das Training selbst wird oft als wichtiger angesehen als die angemessene körperliche Vorbereitung zur Verkraftung der Trainingsbelastungen. Die begleitende Kontrolle mittels Re-Tests erfolgt vielfach nur sporadisch.

In den Bereichen Beweglichkeit und Propriozeption werden keine mir bekannten einheitlichen Erhebungen durchgeführt.

Der Aspekt Belastungssteuerung wird häufig zu allgemein gehalten, zu wenig individuell angepasst (speziell bei starken Unterschieden im Entwicklungsstand bei Jugendlichen) und nicht ausreichend abgestimmt (z.B. Matchplan vs. Trainingsplan, aber auch innerhalb des Betreuerstabs).

Dem Thema Lebensstil wird, wenn es überhaupt berücksichtigt wird, tendenziell eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl die Zeit außerhalb des Trainings ein Vielfaches der Trainingszeit beträgt.

Fazit: Es gibt reichlich zu tun, um das Niveau der Verletzungsprävention zu steigern und sie zu einem festen Bestandteil jedes Trainingskonzepts zu machen, aber wenn es gelingt, sind zumindest „hausgemachte“ Verletzungen Schnee von gestern.

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