Verletzungen als Bestandteil von Leistungssport?

Was Mediziner fordern

Ende 2019 forderte die Gesellschaft für orthopädisch-traumatologische Sportmedizin (GOTS) in Deutschland die konsequente Umsetzung aktueller Präventionsprogramme gegen Sportverletzungen in Vereinen und im Sportunterricht.

„Allzu häufig müssen wir als behandelnde Kliniker uns mit einer therapeutischen Negativspirale nach einer potentiell vermeidbaren Sportverletzung auseinandersetzen“, sagte der Präsident der GOTS, Romain Seil. „Eine Aufwärmphase und angelegte Bandagen reichen nicht aus. Richtige Prävention muss auf den entsprechenden Sport, den Trainingszustand des Athleten und die beanspruchten Körperregionen zugeschnitten sein. Sie muss nach einem Plan, in bestimmten Zeiteinheiten stattfinden und zwar immer vor dem eigentlichen Training“, so Seil. Prävention werde aber bislang im Leistungs- und im Breitensport gleichermaßen „absolut vernachlässigt“, kritisierte er.

Die GOTS fordert eine systematische Erfassung und Quantifizierung der Sportverletzungen und Sportschäden im organisierten Sport. Die Prävention sollte zudem konsequent in das Training eingebaut werden. Wichtig sei außerdem, die Präventionsforschung auszubauen. Dazu gehöre die Erarbeitung und Validierung von Präventionsprogrammen, die sogenannte Implementierungsforschung, und das weitere Erarbeiten von Methoden für individualisierte Prävention.

 

Wie die Realität aussieht

In meiner über 20-jährigen Arbeit im Leistungssport, mit jugendlichen Athleten und international erfolgreichen Spitzensportlerinnen aus den unterschiedlichsten Sportarten erlebte ich ein immer wiederkehrendes Schema:

Auf eine Verletzung folgte zuerst die Diagnose, dann die Behandlung (konservativ, medikamentös oder operativ). Daran schloss das Rehabilitationsprogramm an, meist geleitet von Physiotherapeuten, bevor der Wiederaufbau, begleitet von Konditionstrainern oder Physios, begann. Dieser bestand in der Regel aus einem Dehn-, Stabilitäts- und Kräftigungsprogramm sowie leichten Ausdauereinheiten, mit einer allmählichen Belastungssteigerung bis zur Wiedereingliederung in den normalen Trainingsbetrieb – bis zur nächsten Verletzung, und dann wieder von vorne.

Dieses Schema ist in vielen Sportarten von den Abläufen her professionalisiert, und mir scheint es zunehmend so, als wären alle Beteiligten, vom Verletzten über die Behandler bis zu den Funktionären und Eltern, damit zufrieden, dass die Versorgung der Verletzungen ganz gut funktioniert.

Die Standardaussagen der involvierten Personen angesichts von Verletzungen lauteten von „das gehört leider dazu“ über „da kann man nichts dagegen machen“, „er hat heuer wirklich Verletzungspech“, bis zu „sie ist von ihrer Konstitution leider nicht für den Leistungssport geeignet“ (wenn eine Sportlerin sich immer wieder verletzte). Die Betroffenen selbst halfen sich bei social media gegenseitig mit  Hashtags wie #comebackstronger.

Fazit: Verletzungen werden im Leistungssport als unvermeidbarer Bestandteil akzeptiert.

Da drängt sich mir die Frage auf: „Ist das so?“

 

Prominente Gegenbeispiele

Sind Verletzungen in einer Leistungssportkarriere zwingend? Was ist mit AthletInnen, die über Jahrzehnte verletzungsfrei bleiben? Z.B. der 42-jährige Quarterback Tom Brady oder die 46-jährige Snowboarderin Claudia Riegler, beide immer noch sehr erfolgreich in einem Alter, wo andere schon die ersten Auswirkungen des Alterns in ihren Körpern beklagen. Hatten sie nur Glück? Oder gute Gene? – Sieht man sich die Trainingsinhalte und den Lebensstil der beiden genauer an, lautet die Antwort eindeutig: Nein!

Ihnen gemeinsam ist eine bewusste Lebensführung, die Zusammenarbeit mit Bewegungsexperten mit dem Ziel Verletzungsprävention sowie ein exzellentes Mindset, geprägt von Eigenverantwortung und Eigeninitiative.

Einige (leider nicht alle) in diesem Feld Tätige machen sich durchaus darüber Gedanken.

Es gibt die Trainer, welche die Auswirkungen ihres Trainings auf die körperliche Gesundheit ihrer Athleten reflektieren. Es gibt die Funktionäre, die Belastungen durch Spielpläne, etc. hinterfragen. Es gibt die Konditionstrainer, die funktionelles Training einsetzen und die Effekte von Dehnen kritisch betrachten. Es gibt Systeme (Vereine, Verbände, Trainingsgruppen, etc.), in denen die Themen Ernährung, Schlaf, aktive Regeneration (Eisbad, Sauna, Blackroll, etc.) beachtet werden. Und es wird an Technologien gearbeitet, die wahre Wunder versprechen, wie z.B. Compex oder Betterguards.

Es wird teilweise konsequent auf ernsthaftes Auf- und Abwärmen geschaut und Ausgleichstraining betrieben. Es wird am Equipment gefeilt, damit es schützt (Helme, Protektoren, etc.) bzw. nicht die Entstehung von Verletzungen provoziert (alpiner Schisport).

Aber sowohl die Reflexion über dieses Thema als auch die Umsetzung von verletzungsvorbeugenden Maßnahmen findet großteils auf Initiative von Einzelpersonen statt.

Einen deutlichen Rückgang von Verletzungen nahm ich in den letzten 10 Jahren trotzdem nicht wahr. Eher das Gegenteil.

 

Was fehlt

1. Eine genau kategorisierte Verletzungsstatistik findet selten statt. Wenn es eine konsequente Dokumentation von Verletzungen gibt, steht dort eher deren Art und Häufigkeit im Vordergrund, nicht der Entstehungshintergrund (durch Einwirkungen von außen oder „hausgemacht“) und die möglichen Ursachen (beeinflussbar oder nicht). Die vielen Einflussfaktoren auf Verletzungen (Einwirkungen von außen durch Umgebungsverhältnisse, Gegner, Ausrüstung und Belastungsintensität sowie der Eigenzustand der Athleten, mitbeeinflusst durch Ernährung, Hydrierung, Schlaf, Regeneration und ihre körperlichen Fähigkeiten) erschweren es häufig, Verletzungsursachen eindeutig zu ermitteln. Dennoch sollte eine genaue Dokumentation von Verletzungen Standard sein.

2. Die Forschungslage zur Verletzungsprävention ist dünn.

3. Ob und wie Verletzungsprävention betrieben wird, hängt meist von den handelnden Personen ab und ist häufig willkürlich und situationsabhängig (je mehr Verletzte innerhalb eines kürzeren Zeitraumes, desto größer die Bereitschaft für Präventionsmaßnahmen).

4. Es gibt keine standardisierten Programme zur Verletzungsprävention, die sportartspezifisch eingesetzt werden.

 

Was ein seriöses Präventionsprogramm ausmacht

Präventionsprogramme sollten sich auf die beeinflussbaren Ursachen fokussieren, vom gesamten Team (Sportler, Trainer, Betreuerstab) mitgetragen und ins Trainingskonzept integriert werden.

– Ausrüstungseinflüsse

– Lebensstil

– Belastungsanpassung

– körperliche Fähigkeiten

Das Programm Verletzungsprävention 2.0 auf Basis der Feldenkraismethode behandelt drei dieser vier Punkte, nämlich „körperliche Fähigkeiten“, „Belastungsanpassung“ und  „Lebensstil“. Diese Bereiche sind für die überwiegende Mehrzahl „hausgemachter“ Verletzungen verantwortlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.