Psychische Folgen von Verletzungen

Ein Rattenschwanz an Konsequenzen

Wie diesem Artikel angekündigt, gehe ich hier auf die psychischen Folgen ein, die betroffene Sportler oft erleben.

Sportverletzungen, welche eine Unterbrechung des Trainings- und Wettkampfalltags zur Folge haben, bedeuten für die meisten Sportler einen erheblichen Einschnitt in den gewohnten Lebensrhythmus. Die Art und Schwere der Verletzung, der Saisonzeitpunkt und weitere Faktoren haben einen entscheidenden Einfluss auf die mentale Verfassung der Sportler.

Je einschneidender das individuelle Verletzungserleben war, umso problematischer gestaltet sich die psychische Verarbeitung. Wenn die Sportverletzung bei der Ausübung von Risikosportarten erfolgt ist (Ski alpin, Skispringen, Motorsport, etc.) und Sportler erfahren müssen, dass das Überschreiten einer gewissen Grenze schmerzhaft und gefährlich sein kann, oder wenn die Verletzung eine mehrmonatige Auszeit bedeutet.

In erster Linie ist die Verletzung geprägt durch die körperliche Beeinträchtigung, sprich die Zerrung im Oberschenkel, das Supinationstrauma im Sprunggelenk oder der Kreuzbandriss. Das Erleben dieser körperlichen Probleme und der damit einhergehenden Einschränkungen, Beschwerden und Schmerzen sind immer von psychischen Symptomen begleitet. Diese können sich in Form von Ärger, Wut, Niedergeschlagenheit, Trauer oder Resignation äußern.

Eine Verletzung stellt für den Athleten eine schwierige Situation dar, mit der er sich auseinandersetzen muss. Vielerlei Probleme tauchen für den Verletzten plötzlich auf. Zum Beispiel steht die Sportlerin von der einen zur anderen Sekunde vor einer ungewissen Zukunft. Sie wird mit Fragen konfrontiert, die sie sich bis dahin noch nie gestellt hat: Kann der Sport weiterhin ausgeführt oder muss die Karriere beendet werden? Was kommt danach? Wer bezahlt meine Rechnungen? Für viele Spitzensportler sind die Wettkampfprämien und Sponsorenverträge die Haupteinnahmequelle. Eine Verletzung bedroht somit auch ihre finanzielle Absicherung. Angst vor dem Unbekannten ist die Folge.

 

Wie reagiert der Sportler?

Zudem identifiziert sich der Athlet über den Sport. Eine Verletzung ist deshalb nicht selten ein Angriff auf das Selbstbild. Vielleicht muss er sich Fehler eingestehen. Auf einmal ist nicht mehr alles kontrollierbar. Gefühle von Wut, Hilflosigkeit und Identitätsverlust können entstehen.

 

Körpersprache und Selbstbild in Wechselwirkung

 

 

Wie reagiert das Umfeld?

Auch das gewohnte Umfeld und die soziale Unterstützung fallen weg. Der Trainer als Bezugsperson kann meist nicht in der Nähe sein, da er noch weitere Athleten zu betreuen hat. Die Teamkollegen reisen von Wettkampf zu Wettkampf und haben auch keine Zeit, den Verletzten zu unterstützen. Der Sportler ist auf sich allein gestellt – im Idealfall erhält er Unterstützung von der Familie.

Je nach Ausmaß der Verletzung reagiert das soziale System mit Unverständnis oder Einfühlungsvermögen, mit Unterstützung oder Hemmung. Diese Reaktionen beeinflussen natürlich die Motivation zur Heilung, zur Rehabilitation und zum Wiedereinstieg in das sportliche Training und den Wettkampf.

Aus vielen Sportarten weiß man, dass der Versuch, den verletzten Sportler ausschließlich mit rein medizinischen, physiotherapeutischen und trainingswissenschaftlichen Maßnahmen zu seiner physischen Topform zurückzuführen, häufig nicht zufriedenstellend gelingt. Man muss sich auch mit der psychischen Beanspruchung des Verletzten auseinanderzusetzen. 

Hier ein kurzer Auszug aus dem Bericht des ehemaligen Schweizer Fußball-Nationalspielers Claudio Sulser zu diesem Thema:

„Ich habe während Jahren meine Sportart ausgeübt, ohne zu überlegen, dass ich auch einmal verletzt werden könnte. Ich dachte wie die meisten Automobilisten in Bezug auf Verkehrsunfälle: Es passiert immer den anderen. Ich empfand es als selbstverständlich, praktisch jeden Tag zu trainieren, um dann irgendwo in der Schweiz oder im Ausland ein Spiel bestreiten zu können. Plötzlich ist das, was gestern selbstverständlich war, heute nicht mehr möglich. Man ist mit einer neuen, unvorhergesehenen Situation konfrontiert. Es entsteht ein psychologisches Problem: das psychische Bewältigen der Verletzung.“ (Sulser, 1985, S. 144)

 

Die Psyche nicht ignorieren

Trotzdem kann man beobachten, dass sich die Rehabilitation häufig darauf beschränkt, den verletzten Sportler nur mit medizinischen, physiotherapeutischen und trainingswissenschaftlichen Maßnahmen möglichst schnell wieder fit zu bekommen. Die psychische Beanspruchung der Verletzten wird ignoriert. Diese einseitige Betrachtungsweise kann zu erheblichen Differenzen zwischen psychischen und physischen Leistungsvoraussetzungen bei der Re-Integration in den Sportalltag führen.

Da ist es nicht verwunderlich, dass verletzte Sportler nach erfolgreicher Rehabilitation in vielen Fällen nicht mehr an das alte Leistungsniveau anknüpfen können oder erst nach langer Anlaufzeit. Und das, obwohl aus physiologischer/medizinischer Sicht die Strukturen wieder zu hundert Prozent belastungsfähig sind.

Effektive Rehabilitation setzt eine ganzheitliche Sichtweise voraus – Körper und Geist müssen gemeinsam genesen. Die mentale Rehabilitation wird zwar als ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Rehabilitation anerkannt, jedoch wird in der Praxis weiterhin frei nach dem Motto interveniert: „Der Kopf rehabilitiert sich von allein!“.

Ich selbst habe mit mehreren von ihren Verletzungen traumatisierten Athleten und Athletinnen  gearbeitet, als Sportpsychologe und als Feldenkraislehrer. Darunter waren ein Fußballtorwart, ein Kunstturner, ein Mountainbike Downhillfahrer, eine Judokämpferin und eine Eiskunstläuferin. Ihnen allen war gemeinsam, dass die Betreuung der psychischen Heilung genauso bedeutsam war wie die der physischen Heilung, da sich die Verletzung im psychischen Bereich stark manifestiert hatte.

Die Feldenkraismethode kann dabei als integrativer Ansatz von Gehirn und Körper einen wertvollen Beitrag zur Genesung und zur vollen Einsatzbereitschaft leisten.

Von Moshé Feldenkrais stammt die Aussage:

„Treat the Person, not the injury.“

 

 

Das Vertrauen in den eigenen Körper zurückgewinnen

Erwiesenermaßen ist es eine Tatsache, dass frühere Verletzungen als der größte Risikofaktor für Verletzungsanfälligkeit gelten. Das zeigen mehrere Studien, die im Rahmen einer 2017 veröffentlichten Metastudie verglichen wurden (Sports Health, 2017, Mar-Apr; 9(2): 139–147).

Warum das so ist?

Mit Pech hat das wenig zu tun. Mehr mit fehlender Körperwahrnehmung und Vertrauen in den eigenen Körper, oder mit unbewussten Ängsten und Kompensationsmustern.

Wenn z.B. nach an einer eigentlich überstandenen Verletzung der betroffene Bereich unbewusst etwas geschont wird, wird der Körper an anderer Stelle stärker belastet. Und das kann zu einer neuen Verletzung führen.

Oder wenn ich mich unsicher fühle, dann verhalte ich mich anders im Zweikampf, ich gehe vielleicht ängstlich in ihn hinein, der Halteapparat gibt keine Sicherheit. Und damit werde ich nicht nur fehler-, sondern auch verletzungsanfälliger. Die Psyche steuert ganz einfach das Bewegungsverhalten. Wenn ich während des Spiels an die Verletzung denke, ist die nächste Verletzung schon vorprogrammiert.

Ist das Vertrauen in die Körperfunktionen noch nicht wiederhergestellt, dann kann es passieren, dass in entscheidenden Momenten der Fokus nicht auf der momentan auszuführenden Handlung liegt. Stattdessen werden im Gehirn Bilder und Gefühle vom früheren Verletzungshergang aktualisiert – was das Risiko einer neuerlichen Verletzung enorm erhöht.

Nimm zum Beispiel einen Profifußballer, der sich nach eben ausgeheilter Knieverletzung in einem wichtigen Match auf einen Zweikampf einlässt, sich zugleich aber ängstlich vom Gegner wegdreht, so dass sein Knie funktionell fehlbelastet wird. Damit provoziert er genau die gleiche Verletzung, weil in so einer Position einfach am meisten passieren kann.

Die Athletin muss also Vertrauen in ihren Körper haben. Voraussetzung dafür ist eine gute eigene Körperwahrnehmung. Doch genau daran fehlt es häufig. Eine Untersuchung unter Leistungssportlern hat ergeben, dass immerhin ein Drittel von ihnen eine eher schlechte eigene Körperwahrnehmung hat. Eine fehlerhafte Selbstwahrnehmung wird genauso zum Problem, wenn ich ängstlich bin, wie wenn Übereifer meine Aktionen beherrscht. Die realistische Selbstreflexion und Einschätzung ist hier ganz wichtig, nach dem Motto: „Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“ – Aber um zu wissen, was man tut, muss man sich spüren, wahrnehmen, einschätzen können.

 

Die Vorteile psychologischer Begleitung

Die Athletin sollte die Rehazeit als etwas Sinnvolles erleben und sich auf die Aufgaben, die sie von Seiten der Physiotherapie und Sportpsychologie bekommt, voll konzentrieren. Sie muss sich auf die Behandlung fokussieren wie auf ein intensives Training. Das geht sicher nicht immer, manchmal hat sie vielleicht keine Lust mehr weiterzumachen, aber sich hängen zu lassen, bringt sie nicht weiter.

Sportpsychologische Begleitung, mentales Training, Feldenkraistraining: 

Sie alle können traumatische Erfahrungen aufarbeiten und von deren Auswirkungen befreien. Sie können den Wiedereinstieg ins Training und in den Wettkampf erleichtern, beschleunigen und sicherer machen. Sie können die Körperwahrnehmung auf ein hohes Niveau bringen, um das Vertrauen und Bewusstsein für den eigenen Körper und seine Bewegungen zu stärken. 

 

Mit psychologischem Training sollte schon im Nachwuchs begonnen werden.

 

Dadurch wird das Gefühl für Selbstkontrolle wieder erhöht, Selbstzweifel, Ängste und Fatalismus werden ersetzt durch Kontrolle, Sicherheit und Zuversicht.

Fähigkeiten wie „positives Selbstgespräch“ und „realistische Zielsetzung“ unterstützen nachweislich die Rehabilitationsdauer von Sportlern.

Um das zu verbessern und zu trainieren, gibt es zahlreiche psychologische Techniken, wie zum Beispiel das systematische Desensibilisierungstraining, das Prognosetraining, das Zielsetzungstraining, das Visualisierungstraining in mehreren Varianten, das Feldenkraistraining und viele mehr.

 

Aus meiner persönlichen Erfahrung möchte ich allen am Genesungsprozess Beteiligten noch eines ans Herz legen:

Besonders vorteilhaft für einen guten und raschen Heilungsverlauf ist die enge Zusammenarbeit und Kommunikation von Sportlern, Trainern, Physiotherapeuten, Ärzten und Sportpsychologen.

 

Die verletzten Athleten sollten sich in einem solchen Netzwerk gut aufgehoben fühlen und keinesfalls widersprüchliche Informationen erhalten.

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